Mittwoch, 18. Februar 2015

Das Geschäft mit den grauen Zellen



Viele ältere Menschen setzen auf kognitives Training am Computer, um geistig fit zu bleiben. Die Branche boomt – doch Forscher zweifeln am Nutzen der Gedächtnisübungen.

Die Dame mit gelockten braunen Haaren muss nicht lange überlegen. „Honig“, erwidert sie auf Anhieb. „Kaugummi“, ergänzt der Herr neben ihr. Gabriele Wahn, die gut zwanzig Jahre jünger sein dürfte als der Rest der Anwesenden, nickt zustimmend. Der kleine Raum mit der großen Fensterfront, durch welche die Wintersonne strahlt, ist wie erfüllt von allerlei Antworten auf Wahns Frage, was klebrig sei.
Im Repertoire der Kursleiterin zählen spielerische Gedächtnisübungen wie diese zu den einfachen. Deutlich kniffeliger wird es bei der Merkfähigkeit. Nicht alle fünf älteren Teilnehmer, die sich um den großen Holztisch versammelt haben, können sich vollständig an die Wortreihe erinnern, die die Kursleiterin ihnen genannt hat. Aber genau deswegen sind die Senioren ja hier.

 „Wirksamkeit nie systematisch untersucht“

Gedächtnistrainings wie das von Wahn sind aus dem Angebot von Begegnungszentren und Seniorenheimen nicht wegzudenken. Doch schon lange finden sie nicht mehr nur in Gruppen an Holztischen statt. Ob auf der Couch oder in der Bahn - Übungen auf dem Smartphone oder am Computer haben den Markt rund um die grauen Zellen erobert. Die Branche boomt. Aber leisten die Übungen, was sie versprechen?
Die Wissenschaft ist skeptisch. „Computerbasiertes kognitives Training gilt als zuverlässig und preiswert, doch seine Wirksamkeit wurde nie systematisch untersucht“, bemängeln Forscher um Michael Valenzuela vom Brain and Mind Research Institute der Universität Sydney. Über 50 Studien mit mehr als 4800 älteren gesunden Teilnehmern haben sie analysiert, um die Effekte von computerbasiertem Gehirntraining zu bewerten.
Ihr kürzlich veröffentlichtes Fazit: Leichte Verbesserungen der allgemeinen kognitiven Funktionen lassen sich zwar kurzfristig nachweisen, im Einzelnen betrifft das aber nur die Fähigkeit, sich etwa temporär an eine Telefonnummer erinnern zu können. Auf die Fähigkeiten, die mit zunehmendem Alter besonders beeinträchtigen - etwa das Vermögen, Entscheidungen zu treffen oder individuelle Handlungen vorausschauend zu planen -, wirken sich digitale Gedächtnisspiele nicht aus.

Der Markt für Online-Gehirntraining wächst stetig

Ein ernüchterndes Ergebnis für ältere Menschen, die oft nicht nur Hoffnung, sondern auch Geld in diese Spiele investieren. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts wird 2060 jeder dritte Einwohner in Deutschland 65 Jahre und älter sein. Ein Riesenmarkt für die kognitiven Fitnesstrainer. Laut den Analysen des amerikanischen Marktforschungsunternehmens SharpBrains wächst der Markt für „digital brain health“ stetig. Sollten die Prognosen stimmen, wird der globale Jahresumsatz für die digitale Gehirngesundheit zwischen 2012 und 2020 um das Sechsfache auf sechs Milliarden Dollar steigen. Bei NeuroNation, dem europäischen Marktführer beim Online-Gehirntraining, sind bereits mehr als die Hälfte der Mitglieder 60 Jahre und älter.

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