Mittwoch, 18. Februar 2015

Zuwendung – ohne Bevormundung

Demenzkranke wollen respektiert und gemocht werden. Wie alle anderen Menschen auch

Karoline Amon im Gespräch mit Prof. Dr. Joachim ­Bauer.

chrismon: Sollten Menschen zum Arzt gehen, wenn sie das Gefühl haben, vergesslicher zu werden?

Prof. Dr. Joachim Bauer: Nein. Die Neigung zur Vergesslichkeit nimmt bei fast allen Menschen über 50 etwas zu. Die häufigste Ursache ist, auch bei Jüngeren, Alltagsstress. Wenn aber tatsächlich Anzeichen für eine über Wochen oder Monate anhaltende, deutliche Störung der geistigen Leistungsfähigkeit vorliegen, sollte man das klären. Wichtig ist vor allem, herauszufinden, ob vielleicht ein Vitamin-B-Mangel vorliegt, eine Funk­tionsstörung der Schilddrüse oder eine Depression – diese Störungen wären gut behandelbar. Man sollte sich nicht verrückt machen. Besonders schlimm ist, wenn ältere Menschen, denen ein Fehler unterlaufen ist, von ihren Angehörigen mit der Angst vor Alzheimer traktiert werden.

Wenn sich die Vermutung bestätigt – was hilft einem die Diagnose?

In der Frühphase einer Alzheimerkrankheit bringt sie nur Nachteile: Der Patient wird stigmatisiert und erhält nebenwirkungsreiche Medi­ka­mente, deren positive Effekte von der Pharmaindustrie und vielen Ärzten übertrieben dargestellt werden. Den Erkrankungsverlauf scheinen sie aber nicht wesentlich aufzuhalten.

Gibt es denn Medikamente, die ein Fortschreiten der Krankheit verzögern?

Von einigen Mitteln wird behauptet, sie verzögerten den Erkrankungsverlauf um etwa sechs Monate. Aufgrund meiner eigenen Beobachtungen an Patienten, die diese Mittel nahmen, fällt es mir schwer, an diesen Effekt zu glauben.

Würden Sie Patienten raten, an einer medizinischen Studie teilzunehmen?

Derzeit gibt es in der Forschung keine Substanzen, von denen ich mir eine Wirksamkeit versprechen würde. Sinnvoll fände ich zu erforschen, inwieweit eine Veränderung des Lebensstils den Verlauf abbremsen kann. Ich denke vor allem an gesunde, vitaminreiche Ernährung, an Sport und an eine soziale Aktivierung der Patienten. Alzheimerkranke sollten nicht isoliert leben, sondern gemeinsam mit ­anderen spielen, singen, wandern.

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