Donnerstag, 12. Februar 2015

Gehirnjogging? Bringt nix

Manche gehen mit Mitte 50 in die mentale Frührente, andere drehen auf. Neuropsychologe Martin Meyer erklärt, wie man im Job fit bleibt, warum Motivation viel bewirkt - und Gehirntraining wenig. 

 KarriereSPIEGEL: Plötzlich fällt einem das Passwort für den Computer nicht mehr ein, oder der Name des neuen Kollegen ist weg. Sind das schon Anzeichen dafür, dass das Hirn altersmäßig abbaut? 

Meyer: Nein, das muss nicht unbedingt altersbedingt, sondern kann auch eine Folge von Stress sein. Nur das weiß man eben nicht. Tatsache ist, dass die Gehirne von gesunden Menschen ab dem 60. Lebensjahr zum Teil erhebliche Anzeichen des Abbaus von Gehirnsubstanz und andere degenerative Spuren aufweisen. Das gehört einfach zum normalen Alterungsprozess. Dennoch treffen wir bei unseren Studien auf viele ältere Menschen, die bemerkenswerte kognitive Leistungen zeigen.

KarriereSPIEGEL: Wie lässt sich das erklären?

Meyer: Man weiß heute, dass das Gehirn kein statisches Gebilde ist, sondern sich bis ins hohe Alter verändert und umbaut, um einem drohenden Leistungsabbau entgegenzuwirken. Es gibt also so etwas wie eine kognitive Reserve, um unsere geistigen Fähigkeiten noch länger zu erhalten. Denn unser Gehirn ist kein Computer, sondern ein neuronales Netzwerk. Man kann das mit dem S-Bahn-Netz von Berlin vergleichen: Da gibt es stark befahrene Hauptverbindungen, langsame Nebenstrecken und etliche Umsteigebahnhöfe. Solche Knotenpunkte haben wir auch im Gehirn. Dort werden die Informationen verteilt. Mit zunehmendem Alter beginnen sich jedoch einige dieser Verteilerknoten aufzulösen. Die Informationen müssen sich daher andere Wege suchen. Manchmal dauert es dann länger, um ans Ziel zu kommen.

KarriereSPIEGEL: Man braucht also mehr Geduld?

Meyer: Vor allem mehr Gelassenheit und weniger Hysterie. Wir sind nun mal Menschen, keine Maschinen, die man einfach reparieren kann, indem man ein Ersatzteil einbaut. Wir reagieren psychologisch. Wir stellen fest, dass etwas nicht mehr funktioniert, und bekommen Angst. Die wirkt dann oft wie eine zusätzliche Bremse. Wenn mir eine Telefonnummer nicht mehr einfällt, sollte ich daraus keinen Staatsakt machen, sondern das akzeptieren und sie eben auf einen Zettel schreiben.

KarriereSPIEGEL: Können wir dank kognitiver Reserve künftig alle länger arbeiten?

Meyer: Nein, Unternehmen müssen sich vom Gedanken verabschieden, dass man alle mitziehen kann. Es gibt keine allgemein gültige Regel. Mit zunehmendem Alter geht die Schere innerhalb einer Altersgruppe immer weiter auf. Manche verabschieden sich schon mit Mitte 50 in die mentale Frühpension, die kann man auch nicht mehr zurückholen. Andere blühen mit 65 erst richtig auf und promovieren oder lernen eine neue Sprache.

KarriereSPIEGEL: Es kommt also auch auf die Motivation an?

Meyer: Die Bedeutung von Motivation, Neugier und persönlicher Identifikation mit dem Beruf kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In unseren Studien zum gesunden Altern hatten wir mit einem 80-Jährigen zu tun, der beim Tempo der Informationsverarbeitung - also einem klassischen Indikator für kognitives Altern - viel besser abschnitt als manche unserer Master-Studierenden. Als Grund dafür gab er an, dass ihn Lernen und Neues immer noch fasziniere. Motivation und ein höheres Selbstwertgefühl können sich unmittelbar positiv auf die kognitiven Leistungen auswirken und damit zur Fitness des Gehirns im Alter beitragen.

KarriereSPIEGEL: Was ist mit einem Gehirntraining - hilft das?

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