Donnerstag, 23. April 2015

Offener Brief an den Diplom-Psychologen Arthur Schall

Zitat: „Wieso haben Sie gerade diese Farbe gewählt?“, fragt der Diplom-Psychologe Arthur Schall. Keine Reaktion. Konkrete Fragen machen den Patienten zu schaffen, die Atmosphäre wird steif. (Zitat Ende/FAZ Karolin Berg).
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/fuehrungen-und-workshops-fuer-demenzkranke-im-staedel-13536093-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
 
Kopie an die FAZ Redaktion Frau Karolin Berg
 
Lieber Herr Schall,
 
Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz. Macht das Sinn? So werden Wissenschaftler fragen, die davon  gehört haben. Sie machen sich immer öfter auf den Weg, auf der Suche nach Menschen mit Demenz, den „unbekannten Wesen“ . Sie verlassen gemeinsam mit  Angehörigen und Helfern die Universitäten und machen in Kultur. Zur Zeit, gerne auch im Museum. Mit auf die Reise kommen die Probanden.
 
Für die Menschen mit Demenz ist das eine Fahrt ins Blaue, ein Abenteuer, denn Sie wissen nicht was Sie tun, nein erwartet. Erstmal am Ziel angekommen ist die Freude groß, denn jetzt ist viel Zeit für Erinnerungen, Poesie, Melancholie, Gesprächen, mit Worten oder  „Händen und Füßen“ und viel Emotionen. Und wenn die "sprachlosen" Menschen, die den "Verstand" verloren haben, beim Kontakt mit der Kultur sehr emotional wieder ins Gespräch kommen, dann sind die Menschen glücklich angekommen. Wenn Sie nicht mitgenommen werden, rein in die Gesellschaft, rein in die Kultur, dann ist ihr Alltag grau und leer.
 
Seit über acht Jahren nimmt RosenResli diese Menschen mit ins kulturelle Leben. Denn die Teilnahme am kulturellen Leben stellt auch für sie einen wesentlichen Bestandteil und eine wichtige Bereicherung dar. Demenz raubt vermeintlich den Verstand aber die Emotionen sind immer da. So sind die Emotionen der Schlüssel, ein Türöffner zu den positiven Erlebnissen, die nur die Kultur öffnen kann, ganz besonders der Besuch im Museum. Einem Haus mit besonderer Ausstrahlung.
 
Innerhalb des gesamten Programms, legen wir großen Wert auf die weiter entwickelte Museumsarbeit. Die Stärkung der Zielgruppe, Pflegende Angehörige und ihren Menschen mit Demenz, liegt uns besonders am Herzen. Dort liegen, auch nach Auffassung der Wissenschaft, die sozialpsychologischen Möglichkeiten im täglichen zusammenleben brach. Die Chancen einer Probanden Verbesserung der Kommunikation zwischen den Betroffenen und den pflegenden Angehörigen, nach dem Vorbild der Kommunikations- Strategie „Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz“, machen diesen Ansatz sinnvoll.
 
Gerade die neue Betrachtung der Kunstvermittlung für junge Demente und Menschen mit Demenz im Anfangsstadium, bringt eine neue Perspektive und somit positive Entwicklung für diese Zielgruppe. Bei unserer Arbeit steht die Problematik der „Dementen“ in unserer Gesellschaft im Vordergrund „Nicht der Demente ist krank, sondern die kulturlose Situation in der er lebt.“ Nicht die Institution Museum. Das Museum hat eine dienende Funktion. Der Betroffene aber auch sein pflegerisches Umfeld, muss im Fokus stehen. Also welche Diagnose hat er, lebt er zuhause, im Heim. Welche Konflikte gibt es im zusammen leben dort. Wie können wir den Zugang zu allen Beteiligten öffnen. Wir und alle Beteiligten müssen die Kommunikation  wie eine „Fremdsprache“ erlernen. Erst dann, wenn alle Beteiligten die gleiche Sprache sprechen, schaffen wir es gemeinsam, den Anforderungen in der „demenzfreundlichen Gesellschaft“ zu begegnen.
 
Sicher führen auch hier „viele Wege nach Rom“.  Unterschiedliche Konzepte der „Kunstvermittlung“ - (hier besser der Begriff Bildbetrachtung) als emotionales Erlebnis der Besucher, sind zwischenzeitlich auf dem „Markt“. Und viele davon  wurden und werden von Wissenschaftlern begleitet. In der Kunsthalle Zürich (Universität Zürich), auch im Lehmbruck Museum. Der Bund fördert  schon seit  2012  eine Begleitstudie in 11 Museen der Republik. Schätzungsweise sind so fast 500.000 € Fördermittel für Forschung in den Markt geflossen.
 
Hier zu braucht es mehr als wissenschaftliche Begleitung: Öffentlichkeitsarbeit, Spenden, Sponsoring und Förderung der Netzwerke und Strukturen zwischen Profis und dem Bürgerschaftlichem Engagement. Bund, Land und Kommunen mit ihren „Kultur-Fördertöpfen“ sind dafür zuständig.
 
Übrigens, 80% unserer Teilnehmer haben noch nie ein Museum, ein Opern-,Konzert- oder Theaterhaus usw. besucht. Wenn man so will, bedienen wir hier ein „ausbaufähiges Massengeschäft“. Endlich auch  ein neues Publikum - neben dem bekannten Bildungsbürger - für die „Kultur Tempel“ im Land, was auch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist.
 
Noch einige Sätze zur Stuttgarter Situation. In unserer Stadt leben ca. 7.000 Menschen mit der Diagnose Demenz. Circa 3.000 in Pflegeeinrichtungen, 4.000 zuhause.

Selbst wenn wir die Pflegeprofis in den Einrichtungen nicht in die grobe Statistik ein beziehen, sagen diese Zahlen noch nicht die Wahrheit. Wenn 4.000 Menschen zuhause gepflegt werden, dann habe ich automatisch noch 4.000 bis 6.000 betroffene Angehörigen Hilfe anzubieten, damit sie mit ihren Angehörigen zurecht kommen. Nicht vergessen dürfen wir die Menschen, die uns nicht bekannt sind. Man rechnet mit einer Dunkelziffer von ca. 30%. Bezogen auf die ganze Bundesrepublik, erkennen wir erst wirklich, welche Katastrophe uns erwartet. 1.5 Millionen Menschen plus die 30%, die im „Dunkeln“ ihr da sein fristen. Und nicht alle sind betagte Menschen. Die „Lawine“ spült jetzt immer mehr jüngere Betroffene in die Statistik.
 
Wenn wir die Kunstvermittlung der Menschen mit Demenz den Museen allein überlassen, dann haben wir schon jetzt die Zukunft verloren. Museumspädagogik kann unserem Anliegen bestens dienen, unsere positiven Erfahrungen der letzten acht Jahre, bestätigen uns das ja. Das Problem unserer Gesellschaft ist für das Museum allein nicht lösbar.
 
„An vielen Orten engagieren sich Ehrenamtliche: Sie spielen Theater mit Demenz Kranken oder gehen mit ihnen ins Museum und ins Konzert wie beim Stuttgarter Verein "RosenResli". Das sind gute Anfänge. Aber ein flächendeckendes bürgerschaftliches Engagement ist noch nicht erkennbar. 
(Spiegel Wissen, 1/2010 / „Die Reise ins Vergessen)“
 
Wann dürfen wir darüber mit Ihnen sprechen?
 
Herzlichst
 
Hans-Robert Schlecht
Florian Oliver Schlecht
 
RosenResli e.V.
Kultur für Menschen mit Demenz
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