Freitag, 1. Mai 2015

Mit Dean Martin das Vergessen vergessen

Melanie Keim 27.4.2015
Einmal im Monat tanzen Demenzbetroffene, Angehörige und Tanzfreudige in Oerlikon zu Musik von früher. Trotz der therapeutischen Wirkung des Tanzens ist Musikmamsells Tanzcafé kein Therapie-, sondern ein Ausgeh-Angebot.
AA Zwei Schritte nach links, zwei nach rechts, vier nach links und dann zur anderen Seite. Die Schritte des älteren Herrn sind winzig, aber äusserst präzis. Ruhig und bestimmt führt er seine Tanzpartnerin dem Takt von «Wenn der weisse Flieder wieder blüht» folgend übers Parkett des Restaurants Binzgarten. Eben klagte er noch über Fussschmerzen, nun tanzt er seinen Foxtrott, eine Abwandlung des Originalschritts. Er habe mit seiner Frau auch Tango, Rumba, Cha-Cha-Cha und wie all die Schritte hiessen, getanzt, sagt der Mann, der sich später an einem Klubtischchen als Heinz vorstellt. Ausser dem Foxtrott habe er alle Schritte vergessen, fügt er hinzu, während er das Geschehen auf der Tanzfläche beobachtet. Nicht weil er an Demenz leide, sondern weil er so lange nicht mehr getanzt habe.

Twist auf Kniehöhe 

Der Hinweis auf die Demenz rührt vom speziellen Anlass her. Immer am zweiten Dienstag des Monats lädt die ehemalige Radiomoderatorin Verena Speck im Restaurant Binzgarten beim Bahnhof Oerlikon zum Tanzcafé für Demenzbetroffene, Familien und Freunde ein. Im Saal des Lokals, das eine merkwürdig charmante Mischung aus aufgepeppter Landbeiz und überdimensioniertem Kebab-Take-away ist, kündet die einstige «Musikwelle»-Stimme jeweils um 14 Uhr 30 den ersten Klassiker von früher an. Einige Tanzfreudige treffen an diesem Dienstag schon eine halbe Stunde vorher ein. Von diesen Stammgästen leiden die wenigsten an einer Demenz, aber einige an der Einsamkeit im Alter oder der Schwierigkeit, andere Senioren für Unternehmungen zu motivieren.

«Ich bin hier, weil ich traurig bin», sagt eine Dame mit süddeutschem Akzent. Hier fühle sie sich im Gegensatz zu anderen Seniorenanlässen auch ohne Begleitung gut aufgehoben. Von Traurigkeit ist bei der lebhaften Pensionärin, die so gerne Elvis hört, an diesem Nachmittag nichts zu spüren. Sie witzelt, dass man mit Heinz nicht tanzen dürfe, wenn seine Freundin da sei, und nach den ersten Takten von «Ramona» wiegt sie sich mit diesem auf der Tanzfläche. Beim zweiten Lied, «Everybody Loves Somebody» von Dean Martin, bewegen sich schon mehrere Paare auf der Tanzfläche. Anlaufschwierigkeiten wie in angesagten Nachtklubs, wo erst um 2 Uhr morgens etwas gelöstere Stimmung herrscht, gibt es hier nicht. Vergebens sucht man auch nach steifen Paaren, die mit höchster Konzentration eine schwierige Figur absolvieren und darüber die Freude am Tanzen vergessen. Stattdessen sieht man Frauen mit Frauen tanzen, eine Dreiergruppe, die zu einem Schlager ausgelassen die Hüften schwenkt, und hier und dort gar einen Knöchel, der bei «Let's Twist Again» auf Kniehöhe spickt.

Bis zu 60 Pensionierte tanzen jeweils im grosszügigen Saal, an diesem sommerlichen Frühlingsnachmittag sind nur rund 30 Tanzfreudige gekommen und von ihnen wenige mit einer Spitex-Betreuung. Die Frage, ob diese Frau, die mit ihrem Mann so gekonnt und beschwingt tanzt, oder jener Herr, der sich im Schutz einer Steinsäule nicht weniger ausgelassen bewegt, an einer Demenz erkrankt sind, taucht an den Tischchen um die Tanzfläche zwar auf. Und doch spielt sie im Grunde keine Rolle. Man ist hier zum Tanzen, wegen der guten Musik und wegen der 73-jährigen Speck, die im feuerroten Kleid und mit knalligem Lippenstift hinter den Plattentellern mittanzt. Auf der Tanzfläche vor ihr werden unverkrampft Partner gewechselt, und für einen Moment scheint die Krankheit, die Betroffene und Angehörige oftmals als grosse Belastung erleben, vergessen zu sein.

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