Montag, 18. Mai 2015

Verhaltensstörungen bei Demenz Gefährliche Psychopharmaka

Lena Stallmach 13.5.2015, 09:00 Uhr 
Das Problem ist schon lange bekannt: Antipsychotika erhöhen das Sterberisiko von Menschen mit Demenz und beschleunigen den kognitiven Abbau. Dennoch werden sie immer noch häufig verschrieben und Alternativen zu selten in Betracht gezogen.
Viele Menschen mit Demenz leiden vorübergehend an psychischen Problemen oder Verhaltensstörungen, zum Beispiel Depressionen, Aggressivität oder Agitation (Rastlosigkeit). Dies ist für sie, aber auch für Angehörige, Pflegekräfte oder andere Heimbewohner oft schwer zu ertragen. Häufig werden den Betroffenen dann Antipsychotika verschrieben. Je nach Land und Studie nehmen in Pflegeheimen 10 bis fast 50 Prozent der Dementen regelmässig solche Medikamente ein – die Mehrheit von ihnen über viele Monate oder sogar Jahre. Dies widerspricht nicht nur den geltenden Behandlungsrichtlinien, sondern scheint gar skandalös. Denn Studien zeigen, dass Antipsychotika bei diesen Problemen wenig nützen. Die Nebenwirkungen können dagegen fatal sein: Die Medikamente beschleunigen den kognitiven Zerfall und erhöhen das Schlaganfall- sowie das Sterberisiko dementer Personen. Warum das so ist, ist nicht ganz klar.

Erhöhte Sterblichkeit

Erst kürzlich zeigte eine amerikanische Studie, dass die Sterblichkeit von Demenzpatienten, die Antipsychotika einnehmen, sogar noch höher ist, als frühere Studien gezeigt haben, wenn ein längerer Zeitraum berücksichtigt wird. Während die meisten älteren Studien jeweils nur 6 bis 12 Wochen dauerten, analysierten Donovan Maust von der University of Michigan und seine Kollegen Daten von mehr als 90 000 Demenzpatienten aus einem Zeitraum von 6 Monaten, was viel eher der gängigen Einnahmedauer entspricht. Je nach Art des Antipsychotikums starben in diesem Zeitraum zwischen 12 Prozent (Quetiapin) und 21 Prozent (Haloperidol) der Patienten. In den jeweiligen Vergleichsgruppen ohne Antipsychotika starben zwischen 8 und 10 Prozent der Patienten – was zeigt, dass die Sterblichkeit in dieser Patientengruppe allgemein hoch ist.
Es sei zwar eine gute Studie, sagt Armin von Gunten, Alterspsychiater an der Universität Lausanne, jedoch werfe sie auch einige Fragen auf. Denn aus den Daten gehe weder hervor, warum die Personen die Medikamente erhalten und an welcher Form der Demenz sie gelitten hätten noch wie weit fortgeschritten die Krankheit gewesen sei. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, waren die Gruppen tatsächlich unterschiedlich. So waren die Personen in der Haloperidol-Gruppe von vornherein kränker als jene der anderen Gruppen. Ein Vergleich ist deshalb problematisch. Dennoch bestätigt die Studie, was man schon seit mehr als zehn Jahren weiss: Eine dauerhafte Einnahme von Antipsychotika ist für Menschen mit Demenz riskant.

Offizielle Warnungen

Erste Warnrufe erklangen bereits im Jahr 2002. Drei Jahre später gab die nationale Arzneimittelbehörde in den USA eine erste offizielle Warnung ab. Diese bezog sich auf die Antipsychotika der neuen Generation. Nachdem weitere Studien aber zeigten, dass die Antipsychotika der ersten Generation wie Haloperidol ein noch grösseres Risiko bergen, ging 2008 eine zweite Warnung raus. Die europäischen Arzneimittelbehörden handelten ähnlich.
In einigen Ländern führten diese Warnrufe zu einem leichten Rückgang der Verschreibungen. Doch viele Experten sind der Ansicht, dass Antipsychotika immer noch zu schnell und zu häufig abgegeben werden. In der Schweiz zeigte eine Erhebung aus dem Jahr 2011, dass 45 Prozent der Personen mit Demenz in Pflegeheimen Antipsychotika erhielten. Die grosse Mehrheit für mindestens 18 Monate. Die Daten stammen zwar aus den Jahren 1997 bis 2007. Aber eine spätere Analyse zeigte keine grosse Veränderung: Im Jahr 2010 erhielten immer noch 43 Prozent der Dementen in Pflegeheimen Antipsychotika. Was läuft also schief in den Schweizer Pflegeheimen?

In vielen Heimen wird die psychiatrische Betreuung der Bewohner durch Heimärzte gewährleistet. Viele von diesen seien nicht genügend vertraut mit den nichtmedikamentösen Behandlungsmethoden, sagt Urs Mosimann, Leiter der Alterspsychiatrie an den Universitären Psychiatrischen Diensten in Bern. Leider würden Spezialisten oft erst gerufen, wenn die Situation schon eskaliert sei. Langsam finde aber ein Umdenken statt, Psychiater würden immer häufiger schon früher zurate gezogen. Mosimann glaubt daher, dass sich an der Verschreibungspraxis in der Schweiz doch etwas ändert. Es gebe schon heute Pflegeheime, die vorbildlich arbeiteten. Anderen fehle es dagegen an den nötigen Kapazitäten.

Das Problem sei, dass eine adäquate Behandlung von psychischen Problemen und Verhaltensstörungen sehr aufwendig sei, sagt von Gunten. Sie müsse speziell auf den Betroffenen zugeschnitten sein. Denn es gibt viele Gründe, warum jemand solche Probleme entwickelt. Schmerzen oder andere Erkrankungen sind ein häufiger Grund für Aggressionen oder Unruhe. Womöglich hat eine Person aber auch zu wenig Bewegung oder Abwechslung im Tagesablauf. Deshalb ist sowohl eine medizinische als auch eine psychosoziale Untersuchung nötig.
Von den alternativen Methoden erweisen sich psychosoziale Interventionen beim Betroffenen und/oder den Pflegenden am wirksamsten. So zeigte etwa eine britische Studie aus dem Jahr 2006, in der Ärzte und Pflegekräfte im Umgang mit Verhaltensstörungen von Personen mit Demenz speziell geschult wurden, dass die Antipsychotika von 47 Prozent um 19 Prozentpunkte gesenkt werden konnten. Eine vergleichbare Studie läuft derzeit in Deutschland an. Die Pflegenden lernten dabei Techniken, wie sie mit Personen umgehen könnten, die laut schrien, aggressiv oder rastlos würden, sagt die Studienkoordinatorin Gabriele Meyer von der Universität Halle-Wittenberg. Zentral sei dabei, dass sie der Person gegenüber eine wertschätzende Haltung einnähmen und bei der Suche nach Ursachen für das schwierige Verhalten das Gespräch mit den Angehörigen suchten. Diese könnten entscheidende Informationen über die Eigenheiten der Person beisteuern, die bei der Pflege berücksichtigt werden müssten.

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