Mittwoch, 29. Juli 2015

Demenzkranke brauchen kein Konzept

Michael Schmieder hat die Sonnweid in Wetzikon zu einem führenden Demenzzentrum Europas gemacht und dabei das Wichtigste nie vergessen.


Von Denise Marquard   

Menschen mit Demenz haben die gleichen Bedürfnisse wie Menschen ohne Demenz: Sie brauchen Licht, Bewegung, Gesellschaft, Sicherheit, Respekt und Wertschätzung. Das mag banal tönen, doch genau auf diesem Grundsatz von Michael Schmieder beruht die Sonnweid in Wetzikon. Und deshalb wurde die Sonnweid das führende Demenzkompetenzzentrum Europas. Während 30 Jahren hat Schmieder die private Pflegeinstitution aufgebaut. Im Herbst übergibt er nun sein Werk.  

Altersdemenz ist eine gesellschaftliche und eine wissenschaftliche Herausforderung. Gerade in diesen Tagen nährt wieder einmal ein neues Medikament die Hoffnung, Alzheimer lasse sich eventuell hinauszögern. Schmieder bleibt skeptisch: «Wir werden zwar immer ­älter», sagt er. «Dank raffinierteren Ersatzteilen kann unser Körper mithalten. Doch das Gehirn ist vielleicht gar nicht dafür geschaffen, so alt zu werden.»

Auch Menschen, die ihr Gedächtnis ganz oder teilweise verloren haben, haben Anrecht auf ein würdiges Leben. Diesen Anspruch will die Sonnweid einlösen. Das soziale Leben spielt sich in ­öffentlichen, auf vier Etagen verteilten Räumen ab. Sie sind nicht mit Treppen, sondern einer Rampe verbunden. Das Resultat ist eine Schlaufe von 1,5 Kilometer Länge, die über Aussenterrassen und den Garten zurück ins Gebäude führt.

Normen wechseln ständig

Das Heim befindet sich in einer Umgebung, in der sich Patienten wohlfühlen. Sie wissen die Freiheiten zu schätzen. So gibt es keinen Zwang, an einem Tisch zu essen. Stattdessen greifen manche zu Fingerfood, der auf Tellern in Augenhöhe angeboten wird. Wenn es das Wetter zulässt, werden Patienten in ihrem Bett an die frische Luft auf die Veranda gerollt, auf den Gängen stehen Sofas, die Zimmer sind nur zum Schlafen oder für die Pflege da. «Bei uns hat jeder Bewohner seine eigenen Normen – und die wechseln ständig», sagt Schmieder.
Die Sonnweid versucht, Strukturen zu schaffen, die es den Kranken erlauben, so zu leben, wie sie wollen. Gegenüber festen Konzepten zeigt Schmieder grosses Misstrauen. «Warum hat man das Gefühl, das Leben von Menschen in ein Konzept einpacken zu müssen?», fragt er und fügt hinzu: «Ich möchte weder nach einem Konzept betreut werden noch nach einem Konzept leben.»

Über Demenz wird heute offener gesprochen. Als Schmieder seine Karriere vor 30 Jahren als Pfleger im Triemli­spital begann, war das noch anders. ­Demenz wurde mit dem Begriff «psychoorganisches Syndrom» (POS) umschrieben. Mit verwirrten Personen wollte niemand zu tun haben. Schmieder fiel ­jedoch auf: Diese Leute liessen sich beruhigen, wenn er beim Hinausgehen ihre Zimmertür einen Spalt weit offen liess. «Das war ein Zeichen, dass sie nicht gerne allein waren.

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