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Montag, 11. November 2019

Was es braucht Beziehung ist alles


Oberstes Gebot ist es, den Menschen mit ­Demenz als Menschen wahrzunehmen und nicht als Träger einer Diagnose.
Oberstes Gebot ist es, den Menschen mit ­Demenz als Menschen wahrzunehmen und nicht als Träger einer Diagnose. Bild Véronique Hoegger
Was will und braucht ein Mensch mit Demenz? Gedanken zu Empathie und Beziehung, zu mutmassen und sich hineinversetzen.
Was will ein Mensch mit Demenz? Was braucht er? Was ist für ihn wichtig, welche Werte sollen gelten, wie kann Beziehung gelingen und wie lässt sich eine Haltung darstellen? Es stellen sich immer die gleichen Fragen. Ist dies ein Zeichen dafür, dass wir immer noch am Anfang stehen und keine Entwicklung stattgefunden hat?      Weiter

Donnerstag, 17. November 2016

Dement und Staatsfeind Nr. 1

Von Georg Mair (Interview)
Datum: 12.10.2016
 
 
 
Michael Schmieder hat vor 30 Jahren eine Demenz-Einrichtung in der Schweiz aufgebaut und steht für einen neuen Umgang mit demenzkranken Menschen. In seinem Heim wird nicht nur geweint und gestorben, sondern auch gelacht und geliebt. Was macht er anders? Heute Abend (12. Oktober) liest er im Literaturhaus Stuttgart aus dem Buch "Dement, aber nicht bescheuert". 
 
Als Michael Schmieder 1985 das Haus Sonnweid in der Nähe von Zürich übernahm, war das Haus eine Verwahranstalt für chronisch Kranke. 30 Jahre später ist es wahrscheinlich die beste Einrichtung weltweit. Schmieder, 61, hat Ende 2015 die Leitung des "Demenzzentrums" abgegeben. "Ich bin jetzt Chefideologe im Haus", scherzt er. Er provoziert gerne. Neben der Tätigkeit in Sonnweid hat Schmieder das Portal www.alzheimer.ch und die Website www.ungekünstelt.ch (Kunst für Demente) aufgebaut. 

weiter auf:
http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/289/dement-und-staatsfeind-nr-1-3928.html 

Freitag, 26. August 2016

Sexualität / Können Menschen mit Demenz sexuelle Übergriffe machen?

 
Diese, ich gebe zu, provozierende Frage, ist durchaus ernsthaft zu diskutieren.

 Dies ist die Geschichte dahinter: In einem Heim lebt ein Mann, der immer wieder vorbeigehenden Pflegerinnen einen Klaps auf den Hintern gibt. Wenn er herumgeht, fasst er – als wäre es das Normalste der Welt – Frauen an die Brüste.

Was ist zu tun?

Die Mitarbeiterinnen der betreffenden Station fragten nach, wie sie mit diesen «sexuellen Übergriffen» umgehen sollten. Da bei alzheimer.ch guter Rat eben nicht teuer ist, haben wir ein paar Überlegungen dazu angestellt.
Zuerst ist die Begriffsfrage zu klären  Was ist ein «sexueller Übergriff», oder, wie Wikipedia es nennt, eine «sexuelle Belästigung»? Diese Begriffe nehmen nur die Sichtweise des Opfers ein. Ob die andere Person diese Belästigung überhaupt mit einer Absicht tut oder nicht, steht dabei nicht zur Debatte.
Wenn die Fähigkeiten des Denkens und Reflektierens krankheitsbedingt nachlassen, kann es zu einer Enthemmung kommen.

Das Bewusstsein, dass man Menschen mit Respekt behandeln und gewisse Dinge nicht tun soll, schwindet zunehmend. Logischerweise kann es dadurch auch zu einem Kontrollverlust kommen.

Der Mann fasst das Objekt seiner Begierde an, ungehemmt, mit Lust und Freude. Mann wäre fast geneigt, von einem subjektiven Krankheitsgewinn zu sprechen – traut es sich aber nicht. Und es geht in den allermeisten Fällen überhaupt nicht um mehr. Es geht «nur» um diesen kurzen Moment der Berührung von Po oder Brust. Und das kann ein Lustgewinn sein – aber nur für den Mann.

Ich habe ältere Mitarbeiterinnen befragt. Ich diskutierte mit ihnen, wie sie damit umgegangen sind und heute damit umgehen.

 Es zeigte sich, dass das Nichtdramatisieren solcher Momente früher zum Alltag gehörte. Es sind die starken Frauen, nicht die schwachen, die damit auch in irgendeiner Weise «grosszügiger» umgehen können. Durch einen nachsichtigen Umgang kann sich eine Situation eher entspannen.
Wenn sofort von sexuellem Übergriff gesprochen wird, nimmt eine ganze Reihe von Massnahmen ihren Anfang. Männer mit Demenz sind keine geschlechtslosen Männer. Sie empfinden Lust. Dass Lust da ist, um sie zu erfahren, das ist das Schöne daran. Wenn die innere Kontrolle krankheitsbedingt fehlt:  

Wie soll ein Mann seine Lust bremsen können, wenn er das Gefühl der Lust nicht einmal benennen kann?

Wir tun ja so Vieles dafür, dass Menschen mit Demenz ihr Leben leben können, dass sie sich als Mann oder Frau erfahren können. 

Aber was tun wir wirklich dafür, was konkret?

Und wollen wir nicht in der Pflege den Menschen nahe sein, Emotionalität spüren lassen? Wenn das gut gelingt, heisst dann Beziehung nicht auch Berührung?

So wie ich mir Berührung wünsche und wie ich annehme, dass die Frau auch diese Berührung möchte.

Und da kann das Anfassen von Po und Brust ja durchaus sehr liebevoll gemeint sein. Aber eben: Als wen, oder als was nimmt der Mann mit Demenz mich wahr? Und spielt das eine Rolle? Scheinbar eben nicht.
Und noch ein Gedanke: In einer Zeit, in der alles sexualisiert ist, von Werbung über Medien und allgegenwärtige Bilderflut, müssen wir vielleicht nicht ganz so scheinheilig tun, dass das alles keinen Reiz ausstrahlen darf auf den Mann. Es tut es einfach.  

Und bei fehlendem Bewusstsein, was man nicht darf, darf Mann das dann halt. Direkt, sofort und unmittelbar. Was rate ich in dem oben beschriebenen Fall? Deutlich sagen, dass man das nicht möchte.

Grosses Theater dabei sein lassen. In der Gruppe die Thematik aufnehmen. Niemand soll sich berühren lassen müssen, der es nicht will. Und daran denken, dass es auch noch die andere Seite gibt.


Mehr auf:
http://alzheimer.ch/index.cfm/de/alltag/schwierige-situationen/magazin-detail/114/koennen-menschen-mit-demenz-sexuelle-uebergriffe-machen/

http://alzheimer.ch/index.cfm/de/blog/blog-detail/6/sexualitaet/

Dienstag, 3. November 2015

„Sprechen kann er nicht mehr. Aber Küssen, das geht noch“

Textauszug  aus: "Dement, aber nicht bescheuert"
Michael Schmieder, Uschi Entenmann. 

Erschienen bei Ullstein Buchverlage


Menschen mit Demenz leben im Hier und Jetzt

Eine Demenz wird vor allem am Vergessen gemessen, viel weniger an den oft deutlich sichtbaren Verhaltensstörungen. Warum wird versucht, diesem Vergessen mit allen Mitteln entgegenzuwirken? Kann der Verlust von Erinnerungen nicht vielleicht auch zu paradiesischem Erleben führen? Kann Vergessen nicht auch Distanz schaffen zu dem, was als nicht erinnerungswürdig empfunden wird? Menschen mit Demenz leben im Hier und Jetzt, wobei oft unklar ist, wann in ihrem bisherigen Leben ihr Hier und Jetzt angesiedelt ist. Wir Gesunden leben selten im Hier und Jetzt. Wir lenken uns mit immer mehr Geräten und Medien davon ab. Zum Beispiel, wenn wir einen Sonnenuntergang auf Facebook posten oder in der Pause eines Konzerts unseren Maileingang checken. Die Fähigkeit zu planen, macht es uns möglich, uns mit der Zukunft zu befassen und sie zu gestalten. Vielleicht wirkt es deshalb so bedrohlich auf uns, wenn Menschen nur im Hier und Jetzt leben, weil es uns zum einen zeigt, wie wenig wir das können, zum anderen, dass wir die Erinnerung nicht brauchen, um Mensch zu sein?
Da wir die Möglichkeit des Erinnerns so hoch bewerten und den Auswirkungen der Erkrankung deshalb oftmals hilflos gegenüberstehen, setzen wir – Betreuer wie Angehörige – die Bemühungen im Umgang mit Dementen oft dort an, wo sie uns am sinnvollsten erscheinen. Wir bewerten Lebensereignisse auf unserer eigenen Skala, teilen sie auf in die guten und die schlechten. Und dann zeigen wir alte Fotos, singen alte Lieder, schauen alte Filme, weil wir meinen, was uns gefällt, wird auch den demenzkranken Menschen gefallen.

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Mittwoch, 29. Juli 2015

Demenzkranke brauchen kein Konzept

Michael Schmieder hat die Sonnweid in Wetzikon zu einem führenden Demenzzentrum Europas gemacht und dabei das Wichtigste nie vergessen.


Von Denise Marquard   

Menschen mit Demenz haben die gleichen Bedürfnisse wie Menschen ohne Demenz: Sie brauchen Licht, Bewegung, Gesellschaft, Sicherheit, Respekt und Wertschätzung. Das mag banal tönen, doch genau auf diesem Grundsatz von Michael Schmieder beruht die Sonnweid in Wetzikon. Und deshalb wurde die Sonnweid das führende Demenzkompetenzzentrum Europas. Während 30 Jahren hat Schmieder die private Pflegeinstitution aufgebaut. Im Herbst übergibt er nun sein Werk.  

Altersdemenz ist eine gesellschaftliche und eine wissenschaftliche Herausforderung. Gerade in diesen Tagen nährt wieder einmal ein neues Medikament die Hoffnung, Alzheimer lasse sich eventuell hinauszögern. Schmieder bleibt skeptisch: «Wir werden zwar immer ­älter», sagt er. «Dank raffinierteren Ersatzteilen kann unser Körper mithalten. Doch das Gehirn ist vielleicht gar nicht dafür geschaffen, so alt zu werden.»

Auch Menschen, die ihr Gedächtnis ganz oder teilweise verloren haben, haben Anrecht auf ein würdiges Leben. Diesen Anspruch will die Sonnweid einlösen. Das soziale Leben spielt sich in ­öffentlichen, auf vier Etagen verteilten Räumen ab. Sie sind nicht mit Treppen, sondern einer Rampe verbunden. Das Resultat ist eine Schlaufe von 1,5 Kilometer Länge, die über Aussenterrassen und den Garten zurück ins Gebäude führt.

Normen wechseln ständig

Das Heim befindet sich in einer Umgebung, in der sich Patienten wohlfühlen. Sie wissen die Freiheiten zu schätzen. So gibt es keinen Zwang, an einem Tisch zu essen. Stattdessen greifen manche zu Fingerfood, der auf Tellern in Augenhöhe angeboten wird. Wenn es das Wetter zulässt, werden Patienten in ihrem Bett an die frische Luft auf die Veranda gerollt, auf den Gängen stehen Sofas, die Zimmer sind nur zum Schlafen oder für die Pflege da. «Bei uns hat jeder Bewohner seine eigenen Normen – und die wechseln ständig», sagt Schmieder.
Die Sonnweid versucht, Strukturen zu schaffen, die es den Kranken erlauben, so zu leben, wie sie wollen. Gegenüber festen Konzepten zeigt Schmieder grosses Misstrauen. «Warum hat man das Gefühl, das Leben von Menschen in ein Konzept einpacken zu müssen?», fragt er und fügt hinzu: «Ich möchte weder nach einem Konzept betreut werden noch nach einem Konzept leben.»

Über Demenz wird heute offener gesprochen. Als Schmieder seine Karriere vor 30 Jahren als Pfleger im Triemli­spital begann, war das noch anders. ­Demenz wurde mit dem Begriff «psychoorganisches Syndrom» (POS) umschrieben. Mit verwirrten Personen wollte niemand zu tun haben. Schmieder fiel ­jedoch auf: Diese Leute liessen sich beruhigen, wenn er beim Hinausgehen ihre Zimmertür einen Spalt weit offen liess. «Das war ein Zeichen, dass sie nicht gerne allein waren.

Weiter auf:
http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Demenzkranke-brauchen-nobrkein-Konzeptnobr/story/19096138